Novelle: «Das Zeichen»
- 20. Mai
- 3 Min. Lesezeit

Glück verdoppelt sich, wenn man es mit anderen teilt. Darum wünschte er sich nichts mehr als noch ein einziges Mal mit seiner Grossmutter zu sprechen. Wie schwer konnte es denn Bitteschön sein in der heutigen Zeit? Es gab ja Medikamente für jedes Gebrechen. Roboter, die mit einem kommunizieren und jegliche lästige Aufgaben übernehmen. Reiche, die aus lauter Langeweile zu Weltraumtouristen mutierten und sich auf die Suche nach neuem Lebensraum machen. Warum war es der Wissenschaft dann noch nicht geglückt eine Telefonleitung ins Jenseits zu legen? Es stimmte ihn traurig, wie schnell die Welt sich dreht und wie blass die Erinnerungen an seine geliebte Grossmutter mit den Jahren wurden.
Oh, wie gerne würde er nochmals mit ihr sprechen. In den vergangenen zwanzig Jahren war so viel passiert. Kaum zu glauben, aber aus dem kleinen Jungen mit den grossen Träumen, dem wenige wirklich viel zutrauten, war ein richtiger Mann geworden. Auch wenn er Jahre gebraucht hatte, um mit beiden Füssen im Leben zu stehen, irgendwie war er angekommen. Inzwischen hatte er sein Hobby zum Beruf gemacht. Er bekam Ende Monat so viel Geld, wie er es sich vor ein paar Jahren nicht in den wildesten Träumen ausgemalt hatte. Auch wenn sich viele seiner Ideen heute noch mit der Zeit als Luftschlösser entpuppten, irgendwie ging inzwischen vieles auf. Allerspätestens als er seine Tochter das erste Mal in den Armen hielt, wusste er, wieso er all die Qualen der Vergangenheit auf sich genommen hatte und lange unten durchmusste. Irgendwann findet das Glück einem und es war wirklich so, dass seit der Geburt seiner Tochter vor vier Jahren, plötzlich alles bergauf ging.
Oh, wie gerne würde er nochmals mit seiner Grossmutter sprechen und ihr zeigen, wo er heute stand. Er war glücklich. Die Beziehung zu seiner Frau wurde ohne den finanziellen Stress enger. Als kleine Familie schwebten die Drei, auch wenn es hin und wieder streng war, zumeist auf Wolke sieben und bemerkten, dass es im Leben eben mehr gibt, als immer den Münzen und Noten nachzurennen. Die Kleine war lebhaft und erinnerte ihn an seine eigene Kindheit. Ihr Lachen war bezaubernd und ihre Fähigkeit voll im Moment zu leben, inspirierte ihn immer wieder. Es war schon verrückt: Obwohl die Eltern eigentlich der Fels in der Brandung ihrer Kinder sein sollten, heilte sein kleiner Engel alle seine Wunden und liess ihn Traumata verarbeiten. Ihre Liebe war so authentisch pur und echt. Ihre Augen glänzten und wenn er jeweils mit ihr spielte, flammte Hoffnung in ihm auf. Denn er sah, dass seine Tochter keine Vorurteile in sich trug und stets unvoreingenommen und mit Begeisterung neuen Dingen gegenübertrat. Keine Spur von Neid, Missgunst und den ständigen Gedanken an liquide Mittel spielten in ihrer Welt eine Rolle. Alles bezog sich auf den Moment und die Freude an der blauen Kugel, auf der es sich lohnt, die ganzen Wunder zu entdecken.
Er hätte sein letztes Hemd gegeben für ein klitzekleines Zeichen von seiner Grossmutter oder die Möglichkeit seine Tochter ihr mal vorstellen zu können. Als er in Gedanken versunken am Spielplatz sass und voller Freude zusah, wie seine Tochter auf das Klettergerüst stieg, dankte er dem Universum für sein grosses Glück. Weil er einen Moment unachtsam war, passierte es: Seine Tochter fiel vom Klettergerüst und knallte ungebremst mit dem Kopf voran auf den Boden. Sie blieb kurz liegen und schien bewusstlos zu sein. Als er sie aufnahm, waren ihre Augen plötzlich offen und seine Tochter sprach in einer Stimme, die er schon fast vergessen hatte. «Es ist alles gut so, wie du bist. Ich bin stolz auf dich und sehe jeden Tag, wie toll du dich entwickelt hast.» Dann innerhalb von Sekunden begann seine Tochter zu weinen und er nahm sie tröstend in den Arm. Glücklicherweise war nichts passiert. Die Tränen aus Freude schossen ihm in die bis vor kurzem noch vor Schock erstarrten Augen und endlich schloss sich für ihn der Kreis.



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