top of page

Die ganz grosse Oberflächlichkeit

10. Sept.
3 Min. Lesezeit

Seit dem Aufkommen der künstlichen Intelligenz fällt mir immer öfter auf, dass viele Leute den Helferlein das Denken überlassen und sich auch vor dem Fällen von Entscheidungen drücken. Es scheint fast so, als würden viele KI nicht mehr als Werkzeug benutzen, sondern selber zum Werkzeug werden. Das empfinde ich als gefährlich. Denn wenn immer mehr Menschen ihre Informationen, ihre Meinungen und irgendwann vielleicht sogar ihre Entscheidungen von Maschinen beziehen, entsteht ein fruchtbarer Boden für Vereinheitlichung und damit auch für politische Extreme. Ist es Ihnen auch schon aufgefallen, wie oberflächlich viele Menschen geworden sind? Nachrichten werden nur noch halbpatzig oder gleich gar nicht beantwortet. Wenn dann doch eine Antwort kommt, merke ich an der Vielzahl von Gedankenstrichen manchmal schon, dass wohl ChatGPT am Werk war.


Wenn wir ehrlich sind, hat vermutlich ein grosser Teil aller Menschen mit einem Smartphone schon einmal einen solchen Dienst genutzt. Und das Experimentieren damit macht, wie ich zugeben muss, durchaus Spass. Doch bei aller Euphorie und Praktikabilität darf man nicht vergessen, dass die Quellen hinter den ausgegebenen Antworten nicht immer zuverlässig überprüft werden. So kann es schnell passieren, dass eine Falschmeldung, die nur oft genug publiziert wurde, von einer KI als vermeintliche Wahrheit übernommen wird.


Und plötzlich muss man wieder mit Leuten über Themen wie Impfschäden, den angeblich nicht existierenden Klimawandel, Reptiloiden oder andere Verschwörungstheorien diskutieren.


Welche Auswirkungen ein Klima aus Panik und fleissig gestreuten Falschmeldungen haben kann, sieht man, wenn man aktuell nach Sachsen-Anhalt blickt. Dort hat die vom Landesverfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestufte AfD die Landtagswahl mit deutlichem Abstand gewonnen. Sie erreichte 43,8 Prozent der Stimmen und wurde damit erstmals in einem deutschen Bundesland seit der Wiedervereinigung stärkste Kraft.


Man könnte nun behaupten, dass die Menschen in Deutschland mit ihrem Bundeskanzler Merz nicht mehr zufrieden sind und sie auf diese Weise «denen da oben» eins auswischen wollten. Doch irgendwie passt dieser Rechtsrutsch leider nur allzu gut in eine Zeit, in der Egoismus, Ausgrenzung und «Friss oder stirb» wieder Hochkonjunktur haben.


Natürlich kann man nicht alles, was auf der Welt passiert, der künstlichen Intelligenz in die Schuhe schieben. Doch wenn immer mehr Menschen das Denken und Entscheiden Maschinen überlassen, steuern wir meiner Meinung nach auf eine brandgefährliche Zukunft zu – eine Zukunft, in der vieles, was wir bisher erlebt haben, vielleicht tatsächlich wie ein laues Sommerlüftchen wirken könnte.


Ich wünsche mir deshalb sehnlichst, dass viele Menschen wieder beginnen, selbst nachzudenken und Verantwortung für die Welt zu übernehmen. Auch wenn sich die technische Entwicklung kaum aufhalten lässt, sollten wir KI mit Bedacht und nicht exzessiv nutzen.Allein wenn man bedenkt, wie viel Wasser für die Kühlung der riesigen Rechenzentren benötigt wird, könnte einem schwindlig werden. Wasser ist, das haben wir spätestens in diesem Sommer gelernt, eine nicht zu unterschätzende Ressource. Ihr Fehlen kann verheerende Auswirkungen haben.


Doch genug Mahnfinger und Schwarzmalerei. Viele Menschen entdecken wieder den Livemoment, das Handwerkliche und Kreative für sich. Es scheint, als seien manche ein wenig übersättigt von dem ganzen KI-Zeugs und erfreuten sich wieder an Dingen mit Ecken und Kanten. Für die mentale Gesundheit ist es sicher auch nicht verkehrt, wieder mehr Zeit mit einem guten Gespräch, einem Buch oder etwas anderem von Menschenhand Erschaffenem zu verbringen. Dort ist die ohnehin schon knapp bemessene Zeit wenigstens nicht mit Oberflächlichkeit verschwendet.


Bildlegende: Das echte Leben tobt vor der Haustüre und wird nicht von ChatGPT erstellt.

 
 
 

Kommentare


bottom of page